Jurist als Prozess-Profi

Honoré Daumier - Les Gens de Justice

Wenn Juristen eines können, dass ist es Prozesse zu führen. Meinen sie. Man sagt Juristen ja oft nach, sie seien typischerweise von sich und ihren Fähigkeiten eher unkritisch überzeugt und, dass dies zu einer gewissen Geringschätzung führt, die Juristen anderen Menschen entgegenbringen. Gern werden sie als „Halb-Götter in Schwarz“ verfemt. Ich würde ja sagen: es gibt – wie so oft – sone und solche.

Tatsächlich gibt es aber eine Sache, die mich fundamental an meinen Kolleginnen ärgert und das ist ihre Selbstüberschätzung, was ihr Verständnis von einem Prozess angeht.

Nur weil Anwälte sich tag-ein-tag-aus mit Prozessen und Prozessordnungen befassen, meinen Sie sie hätten ein besonderes Verständnis von Prozessen. Die Wahrheit sieht m.E. ganz anders aus:

Juristen denken typischerweise streng iterativ: erst passiert das eine, dann das nächste und schließlich das letzte. So wurde es uns beigebracht. So sind wir alle konditioniert, wenn wir an einer Deutschen Hochschule die Juristenausbildung durchlaufen haben. Die (scheinbar) deduktive Logik eines juristischen Arguments („Es muss genau so sein und nicht anders, denn…“) und eine geradezu manische Fixiertheit auf Kausalitäten (wiewohl in unterschiedlicher Ausprägung) imprägniert gegen vieles – oft auch gegen gute Lösungen.

Tatsächlich wissen Juristen gar nicht viel von Prozessen; jedenfalls nicht wenn es um ein wissenschaftliches Verständnis von Prozessen geht. Fragen Sie mal einen Juristen im Freundeskreis nach der Equity-Theorie nach Adams oder nach der Valenz-Instrumentalitäts-Erwartungs-Theorie nach Vroom. Die Chancen, dass sie fragende Blicke ernten sind groß (anders ist es vielleicht, wenn die Person eine Ausbildung in der Mediation durchlaufen hat).

Das alles ist beklagenswert, weil es dazu führt, dass Anwältinnen und Anwälte ihren Mandanten Steine statt Brot geben.

Dabei ist die Kritik auch nicht neu: bereits 2006 der Rechtswissenschaftler Alexander Somek in einem äußerst empfehlenswerten Buch (Somek, Rechtliches Wissen, Suhrkamp) aufgearbeitet. Allerdings blieb die große Diskussion aus. Unverändert aktuell ist dieser Beitrag in der Faz.