"Nobody ever got fired for hiring Freshfields"

Unternehmen führen selten Wettbewerbsstreitigkeiten und wählen oft Großkanzleien. Profi-Kläger tun das äußerst selten. Aus Gründen.

Park Tower in Frankfurt am Main: Sitz von Freshfields in Deutschland; Epizentrum / CC BY-SA

Ich habe gute Freunde, die in großen Unternehmen arbeiten, mit denen ich auch über meine Arbeit spreche. Sie wissen, dass ich im Wettbewerbsrecht arbeite und mich Mandanten für die Entwicklung von Klagestrategien und das Auditing der Prozessführung anderer Anwälte bezahlen. Die Klagen, Schriftsätze und Rechnungen diverser Kollegen gehen zur Prüfung über meinen Schreibtisch und ich entscheide gelegentliche, dass man die Zusammenarbeit mit einer bestimmten Kanzlei lieber einstellen sollte; entweder weil der erste Rechtszug nicht gut lief und man für die Berufung die Pferde wechseln sollte oder weil grundlegende Zweifel an der Kompetenz der Beratung bestehen.

Neulich saß ich mit einem Freund dort zusammen, wo man sich in meinem Alter am Wochenden eben so trifft: am Rande eines Sportfeldes in einer mittelgroßen Stadt bei einem Auswärtsspiel unserer Kinder.

Er berichtete immer wieder davon, dass sein Unternehmen (börsennotier) wieder einen Gesamtvertrag mit einer großen Kanzlei geschlossen hat. Wie so oft gilt: die Kanzlei wechselte, als der Vorstand wechselt. Freshfields, Hogan Lovells, Noerr, Clifford Chance, Linklaters, … you name it. Irgendwann ist man dann durch und kommt wieder bei der ersten Kanzlei an.

Im Rahmen dieser Gesamtverträge werden oft pauschal x-tausend Stunden Anwaltszeit von der Kanzlei gekauft und ab dann ist diese Kanzlei die neue "Hauskanzlei" für alles. Die großen Kanzleien agieren als Vollsortimenter, die vom Accounting über Patente bis zum Arbeitsrecht alles anbieten, was das DAX-Unternehmen zu brauchen meint. Der Inhouse-Counsel (so nennt man die Volljuristen, die unmittelbar bei einem Unternehmen beschäftigt sind) ist kaum noch mehr als der Hüter des Aktenschranks und hat mit der Komplexität der Großkanzleien als Vertragspartner zu tun. Seine Aufgabe: Koordinieren.

Die Personaldecke ist dünner als gedacht

Dabei ist Wettbewerbsrecht in vielen Großkanzleien völlig unterbesetzt. Die zahlreichen Anrufe der Headhunter in unserer Kanzlei legen hiervon beredtes Zeugnis ab. Tatsächlich kam es bereits vor, dass ein Anwalt unserer Kanzlei von einem Headhunter kontaktiert wurde, der dringend einen Anwalt für das Wettbewerbsrecht in einer großen Kanzlei suchte. Dort seien von eigentlich drei Anwälten nur noch eine Stelle besetzt und der verbliebene Kollege sei völlig überlastet.

Das allerdings wussten wir bereits bevor der Headhunter angerufen hatte. Für einen Mandanten hatten wir nämlich kurz zuvor einen Prozess auditierten, in dem der Prozessgegner von eben dieser Kanzlei betreut wordne war. Der Headhunter hat hier selbstverständlich den Interessen seiner Kunden fundamental geschadet, denn selbstverständlich haben wir unserem Mandanten diesen Vorgang unverzüglich zur Kenntnis gebracht und – wer weiß – möglicherweise floss dies in die weitere Prozessstrategie ein. Möglicherweise hat unser Mandant diese Information nämlich genutzt, um den Prozessdruck noch deutlich zu erhöhen und dann einen Vergleich anzubieten. Möglicherweise.

Beim BGH eher seltene Gäste…

Das Wettbewerbsrecht wird faktisch von wenigen Akteuren geprägt. Es ist ein ziemlich elitärer Klub der klagebefugten Verbände, der die wesentlichen Entwicklungen unter sich ausmacht. Etwa 50 % aller BGH-Verfahren in Wettbewerbssachen werden von vier Verbänden, nämlich

  • der Wettbewerbszentrale,
  • dem VSW,
  • dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und
  • der Deutschen Umwelthilfe erwirkt.

Insgesamt dürften 70% aller BGH-Verfahren in Wettbewerbssachen auf nicht mehr als zehn Verbandskläger entfallen. Diese Verbände sind sozusagen Profi-Kläger. Das ist rechtspolitische so gewollt und daran gibt es nichts Ehrenrühriges. Sie sind eben professionelle Rechtsdurchsetzer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Allerdings fällt dem Fachmann auf, dass diese Verbände stets auf Hauskanzleien setzen. Dies gilt zwar für die vzbv und die WBZ nur eingeschränkt, aber insgesamt vertrauen die Verbände in der Summe nur einer kleinen Handvoll Kanzleien… und darunter sind quasi nie Großkanzleien.

Praxiserfahrung schlägt Reputation

Der VSW und die Umwelthilfe setzen bei der Rechtsdurchsetzung jeweils auf extrem spezialisierte Kanzleien.

Fehlt den großen Kanzleien etwa die Qualifikation? Ich glaube, dass das nicht der Grund ist. Allerdings fehlt es vielen Großkanzleien durchaus an Rechtsanwälten mit Prozesspraxis. Gerade wenn es um Klagekampagnen geht, ist eine Sachkunde, die sich (auch) aus der Masse der Verfahren speist, unbezahlbar.

Dies beginnt bereits beim eigenen Entscheidungsarchiv: einige dieser Kanzleien sind in der Lage zu einem Thema, welches sie aktuell beklagen ohne weiteres eine große Zahl ihnen günstiger Entscheidungen aus dem Ärmel zu zaubern.

Dass dabei die Auswahl möglicherweise etwas einseitig ausfällt und Entscheidungen, die ihren Mandanten eher nicht so günstig sind, kann man ihnen nicht übel nehmen. Immerhin sind sie als Anwälte ihrer Mandanten zur Parteilichkeit verpflichtet.

Nun könnte man meinen, dass die großen Kanzleien eben auf der Beklagtenseite wenigstens häufig vertreten sind. Das ist nicht ganz falsch. Allerdings ist auch auf Beklagtenseite eine Kanzlei der Big-Five zu finden, denn auch dort gibt liegt das Wettbewerbsrecht oft in den Händen mittelständischer Kanzleien, meist mit weniger als zehn Anwälten, sog. "Boutiquen".

Warum sich das noch nicht zu den Unternehmen herumgesprochen hat? Vermutlich weil, es dort die alte Weisheit gilt: Nobody ever got fired or hiring Freshfields.

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Guido Bockamp
Rechtsanwalt
(Geschäftsführender Partner)

Gebürtiger Hamburger und Wahl-Kasseler mit rheinischen Wurzeln. Seit über 10 Jahre in Wettbewerbsrecht und Arbeitsrecht tätig. Berät oft zur strategischen Prozessführung. Liebt Podcasts, Haikus und Rugby (heute als Zuschauer). Lehnt manche Fälle ab und Lacht gerne. Er ist Mitglied im RAV, der GRUR, der HU, in der GFF, in der GBS, dem Fritz-Bauer-Institut, der GWUP und des CCC.